Bauriss Winterjohanni 2018 – Zeugnis für den Geist
Mit dieser Zeichnung möchte ich ein Wort oder ein Zeugnis für den Geist einlegen. Wir feiern heute ja Johanni, Johannes der Evangelist im Winter hat Zeugnis abgelegt. Alles wird vom und durch den Geist bestimmt, es gilt das Geistesprimat.
Ich bin im einfachen Alltag, aber auch bei der Lektüre von wissenschaftlichen Erklärungen und Darstellungen immer wieder erstaunt, wie tief der Materialismus des 19. & 20. Jahrhunderts in den Anschauungen der Gegenwart verankert ist. Im Gegensatz zum Geistesprimat wird hier alles von der Materie her bestimmt und erklärt. Bildlich gesprochen, man will aus den Schneespuren erklären, weshalb ein Mensch durch den frisch gefallenen Schnee stapfte. Das warum und wieso findet man aber nie und nimmer im Schnee.
Wir haben in einer Zirkelarbeit in diesem Jahr, angeregt durch unseren MvSt, eine Bildbesprechung eines spätmittelalterlichen Gemäldes (1588) von El Greco, „Das Begräbnis des Grafen von Orgaz“ gemacht. Wenn ich ganz ehrlich bin, wäre ich bei einem Besuch im Museum bzw. in der Seitenkapelle der Pfarrkirche von Santo Tomé in Toledo, der ehemaligen Hauptstadt Spaniens, an diesem Bild einfach vorbei gegangen. Die Art und Weise, wie da der Tod eines berühmten Menschen und seine seelische Geburt im Reich der Toten, also der nachtodliche Zustand des Menschen, im Bilde dargestellt ist, kann einen modernen Menschen kaum mehr ansprechen. Erst wenn man sich tiefer damit auseinandersetzt, kann man die Vielfalt und Reichhaltigkeit der mittelalterlichen Vorstellung über Seele und Geist des Menschen erfahren und annehmen.
Das Bild von El Greco ist in zwei Teile unterteilt. Im unteren Bereich ist das irdische Begräbnis ganz profan dargestellt. Da es sich beim Grafen von Orgaz und eine wichtige Persönlichkeit des spanischen Adels handelte, sind auch viele Würdenträger aus Kirche und Politik anwesend. Die ganze Begräbniszeremonie ist detailliert und präzis dargestellt. Der obere Bereich ist nicht weniger detailliert und präzis dargestellt, hier geht es aber um den weiteren Verlauf der Seele, die im Geistbereich sozusagen eine Geburt durchmacht. Hier ist mit grosser Vielfalt dargestellt, welche Wesen, wie die bereits verstorbenen, ihm verbundenen Seelen, ihn freudig erwarten.
Unser heutiges Denken ist dermassen vom Materialismus, also von mechanisch-materiellen Vorstellungen aus den letzten zwei Jahrhunderten über die Welt, geprägt, durchsetzt, ja imprägniert, dass heute kaum jemand erklären kann, was ihm das Wort Geist oder Seele bedeutet. Die Naturphänomene von den Erscheinungen im Weltall bis zu den kleinsten Insekten und Pflanzen, dem Menschen, werden als Zufallsergebnisse der irdischen Entwicklung dargestellt. Die Urknalltheorie und die daran anschliessenden Erklärungen der Weltentstehung gelten immer noch als wissenschaftlich. Man spricht von Molekülwolken und Gasen, die sich mal entzündet haben. Weshalb sie sich entzündet haben, woher die Moleküle kommen und weshalb sie überhaupt Eigenschaften haben, die sich entzünden können, kann nicht erklärt werden. Da hört plötzlich die vielbeschworene Wissenschaft auf. Und immer wenn sie am Ender ihrer Erklärungen ist, kommt der Zufall ins Spiel.
Es ist auch ein riesiger Widerspruch zur heutigen technischen Entwicklung festzustellen. Wenn man schon davon ausgeht, dass ein Haufen Moleküle sich zu unserem komplexen Universum, zu unserer Hochkomplexen Erde, die einzigartig mit Leben durchwebt ist, ja dass schlussendlich Wesen wie die Menschen sich aus der Natur der Erde von selbst entwickeln könnten, dann könnte man doch einfach auch einen Haufen Lehm hinstellen und warten, bis sich daraus ein hochkomplexer Roboter entwickelt. Dass dann genau der Roboter zustande kommt, den wir uns gewüscht haben, muss ja auch noch drin liegen bei dieser grandiosen Wissenschaft. Und weil wir vielleicht nicht 4,6 Milliarden Jahre warten wollen bis so ein Roboter entsteht, könnten wir heute ja noch etwas nachhelfen und doch schon fertige Schrauben, Bleche, Räder oder was auch immer anstelle eines Haufens Lehms hinstellen. Aber da könnten wir doch wohl lange warten…
Ich will jetzt an dieser Stelle nicht die geisteswissenschaftlichen Erklärungen zur Weltentstehung anbringen. Da verweise ich auf die entsprechende Literatur, namentlich auf die Anthroposophische. Aber nur schon ein Blick auf El Grecos Gemälde zeigt, wie die Menschheit vor dem 19. Jahrhundert ganz andere Vorstellungen über den Menschen und das Verhältnis von Geist und Materie hatten.
Alle früheren Kulturen rings um die Erde hatten früher ganz detaillierte Vorstellungen über das, was man Himmel nannte. Unter Himmel verstand man nicht, was wir äusserlich sehen, wenn wir den Blick nach oben wenden. Unter Himmel verstand man immer, was überirdisch ist. Die Sonne, die Planeten, der Tierkreis und was sonst noch im Universum sichtbar ist, waren den alten Kulturen nur Zeichen und Hinweise auf die übersinnliche Welt. Man nennt sie auch Geistwelt. Sie enthält die Ursachen von allem was wir in der irdischen Welt vorfinden. Wer schon in Ägypten zum Beispiel die überwältigenden Darstellungen in den Tempeln und Gräber bestaunen durfte, weiss wie vielfältig und reich die Vorstellungen bzw. das Wissen über die Geistwelt der alten Ägypter war.
Man kann diese Vorstellungen aus den Zeiten vor der materialistich-mechanisch geprägten Naturwissenschaften, sofern man sie heute überhaupt versteht, natürlich in Frage stellen. Diese Darstellungen sind einfach zeitgenössische Bilder der damals vorherrschenden Vorstellungen. Man muss diese Bilder lesen und verstehen lernen.
Ein einfaches Beispiel, das viel zitierte Fegefeuer aus dem katholischen Glauben. Konzentrieren wir uns nur auf die Aussage Fegefeuer, lateinisch Ignis purgatorius oder Purgatorium „Reinigungsort“, auf nichts anderes. Nicht auf irgendwelche Moralvorstellungen und Wertigkeiten, wie sie die katholische Lehre ausschmückte und den Begriff damit völlig missbrauchte, sondern nur auf die Kernaussage: nach dem Tod verweilt die Seele an einem Reinigungsort.
Da stellen wir einfach fest, die Alten gingen davon aus, dass der Mensch mindestens aus Leib und Seele besteht. Während der Leib mit dem Begräbnis der Erde oder dem Feuer übergeben wird, geht die Seele an einen Reinigungsort. Sie reinigt sich da von irdischen Gewohnheiten. Auch wenn sie keinen Leib mehr hat, die Süchte z.B. nach Nikotin, nach Alkohol oder gutem Essen sind ja nicht einfach weg. Sucht ist ja nicht allein ein körperliches Problem, sondern ein seelisches. Wer es als starker Raucher schon mal versucht hat mit dem Rauchen aufzuhören, weiss wie der Verzicht wirkt! Gibt es da eine bessere Beschreibung als „Fegefeuer“? Man hat wirklich die Empfindung von einem inneren Verbrennen. Die Lust auf das Inhalieren von Rauch muss sozusagen verbrennt werden. Das erlebte Feuer fegt alle Empfindung nach Befriedigung weg. Es dauert aber.
Wenn man so die Bilder der alten Kulturen zu lesen weiss, erkennt man unabhängig der gerade in der Mode stehenden Vorstellungen das Gemeinsame: die Welt des Geistes in den verschiedenartigsten Ausgestaltungen.
Johannes hat mit seinem Evangelium und der Apokalypse von dieser Geisteswelt Zeugnis abgelegt. Die Freimaurerei nimmt zwar in ihren Ritualien starken Bezug auf die Legenden und Bücher des Christentums, des Islams und des Judentums (das alte Testament ist allen Dreien gemeinsam, im Tanach des Judentums, Teile des Korans im Islam), ihre inhaltlichen Vorstellungen, die sich aus den Symbolen und Ritualien ergeben, geht aber weit über die einzelnen religiösen Bekenntnisse hinaus und weist auf den universellen Charakter des Geistes hin. Trotz allen Bezügen der Freimaurerei zur westlichen Tradition lässt sich ihr Kern, die Freiheit des Geistes, die Unabhängigkeit von Stand und Sozialstatus und die Unabhängigkeit von jeglichem religiösen Bekenntnis, nur aus einer fortschrittlichen Entwicklung des Menschen aus Freiheit und Selbsterziehung erkären.

Der Redner
Loge zum flammenden Stern i.O. von Bern