Bauriss Winterjohanni 2017

Traditionsgemäss feiern wir kurz vor Weihnachten unsere Winterjohanni-Feier zur Ehre Johannes dem Evangelisten, jeweils in Form einer „weissen Loge“, d.h. unter Einbezug von Verwandten und Bekannten. Ein wichtiges Element, nebst der Pflege des Gemeinschaftssinnes, ist, unserer Familie und den Bekannten einen Einblick in unser Tun, in die Welt der Freimaurerei zu gewähren.

Mit dieser Zeichnung möchte ich den Zusammenhang zwischen dem freimaurerischen Tempel und dem Tempel Salomons aufzeigen.

Seit Menschengedenken werden bauliche Einrichtungen aller Art nicht nur nach ihrem äusserlichen Zweck und ihrer vorgesehenen Nutzung gestaltet, sondern sie werden mit architektonischen und künstlerischen Mitteln für eine höheres Ziel gestaltet. Es sind Baudenkmäler, die mit der Bestimmung des Menschen zusammenhängen. Sie sollen Generationen übergreifend die Menschen an einen bestimmten Zusammenhang immer wieder erinnern.

Die Pyramiden von Giseh im alten Ägypten, die Lateinamerikenischen Pyramiden und Mausoleen rund um die Welt dienten nicht nur vor allem als Grabkammern, sie verwiesen ihre Völker mit ihren besonderen Gestaltungen und den ihr zugrunde liegenden Masse und Verhältnisse auf den kosmischen Zusammenhang des Menschen, auf seine Herkunft aus dem übersinnlichen und seinem Gang in Nachtodliche.

So auch der Salomonische Tempel. Interessanterweise orientiert sich ja die ganze europäische Zivilisation mit ihrem christlichen Glauben an der Geschichte Israels, dem nahen Osten. Nicht die nordischen Sagen, die griechischen Mythen oder die Mysterienstätten der Griechen und der Römer waren die Hauptimpulsgeber unserer neuen Zivilisation, nein das nahöstliche Judentum mit seinem Zentrum Jerusalem und das grosse Ereignis mit Christi Geburt, Leben und Tod haben unsere Zivilisation nachhaltig geprägt.

Der Salomonische Tempel spielte zwar in der äusseren Entwicklung des Christentums kaum eine augenfällige Rolle, aber in den mehr esoterischen Strömungen vom Mittelalter bis in die Neuzeit ist er anknüpfungspunkt und Symbol für die tieferen Ideale des Westens. Die Tempelritter haben im 12. Jahrhundert ihre Wirkungsstätte auf den Ruinen des zweiten Salomonischen Tempels errichtet und die Freimaurerei hat im ausgehenden Mittelalter bis heute den Salomonischen Tempel als Vorbild ihres Tempels auserwählt.

Welches sind nun die Hauptmerkmale des Salomonischen Tempels? Erst eine kurze Umschreibung aus AnthroWiki:

„Der Salomonische Tempel, der erste fest gebaute Tempel Israels, wurde im Auftrag Salomons auf dem Tempelberg Moria in Jerusalem mit Hilfe phönizischer Baumeister errichtet, die gemäß der Tempellegende von Hiram Abif angeführt wurden. Baubeginn war 957 v. Chr., die Weihe erfolgte 951 v. Chr., der Bau dauerte also sieben Jahre (1 Kön 6,38 EU). Zu Beginn der babylonischen Gefangenschaft (586/87 v.Chr.) wurde der Tempel von den Babyloniern unter der Führung von Nebukadnezar II. – vermutlich durch gezieltes Abbrennen – zerstört.

Im Freimaurertum hat sich ein Schatten der alttestamentarischen Esoterik erhalten, die im salomonischen Tempelbau ihren symbolischen Ausdruck fand.

Der Salomonische Tempel war aus Stein gebaut, hatte eine Länge von 60 Ellen, eine Breite von 20 Ellen und 30 Ellen Höhe. An drei Seiten war er mit außen umlaufenden Räumen umgeben, welche, in drei Stockwerken übereinander, zur Bewahrung der Schätze und Gerätschaften des Tempels dienten. Es drückt sich darin die leibliche und seelische Dreigliederung des Menschenwesens aus. Insbesondere wird damit auch auf die drei unteren Wesensglieder des Menschen hingewiesen, auf den physischen Leib, den Ätherleib und den Astralleib, die durch das Ich, dem man nur im verhangenen Allerheiligsten begegnen kann, verwandelt werden zu den höheren geistigen Wesensgliedern (Manas, Buddhi und Atma), die zusammen als das sog. Goldene Dreieck symbolisiert werden und gemeinsam das höhere Selbstdes Menschen bilden.

Der Eingangsseite vorgelagert war die 10 Ellen tiefe Vorhalle, vor der zwei bronzene Säulen standen, Jachin und Boas („Festigkeit und Stärke“), die aber keine konstruktive Funktion hatten, sondern als vielsagende Symbole den Eingang flankierten. Wie in der Antike üblich befand sich der Eingang im Osten, das Allerheiligste im Westen.

Ein zentrales Thema der Tempellegende ist der Guß des Ehernen Meeres (1 Kön 7,23 LUT), eines bronzenen Beckens, das vor dem Tempel auf zwölf bronzenen Rindern ruhte, die die Kräfte des Tierkreises symbolisieren.

Das Innere des Tempels bestand aus einem 40 Ellen langen Vorderraum, das Heilige, in dem die goldenen Leuchter, der Schaubrottisch und der Räucheraltar standen, und aus einem durch einen Vorhang davon geschiedenen quadratischen Hinterraum von 20 Ellen Länge, das Allerheiligste, mit der Bundeslade und zwei großen Cherubim. Beide Räume waren an den Wänden, das Allerheiligste (Adyton) auch am Boden und an der Decke mit Holzwerk getäfelt und mit Gold ausgekleidet. Der große Hauptaltar für die Brandopfer stand im Hof, vor dem Eingang des eigentlichen Tempels.

Man geht heute allgemein davon aus, dass das Heilige nur den Priestern zugänglich war, das Allerheiligste durfte nur der Hohenpriester einmal jährlich, am Jom Kippur, betreten.“

Was bedeutet nun der salomonische Tempel für das Freimaurertum? Seit alters her symbolisiert der Tempel den Menschen selbst, in seinen architektonischen Gestaltungen ist er ein Abbild des Menschen. Der liegende, sich aufrichtende Mensch, der sich mit den von oben hereinströmenden göttlichen Kräften verbindet, war auch das Vorbild aller vorderasiatischen Tempel. Die Masse des salomonischen Tempels symbolisierten den physischen Leib des zukünftigen Menschen. Im ersten Tempel stand die Bundeslade mit den 10 Geboten Moses im Allerheiligsten, bewacht durch die zwei Cherubime. Sie war das Zeichen des Bündnisses zwischen Gott und den Menschen. Damals musste der Mensch durch das Gesetz geführt werden.

Sozusagen als Vorwegnahme der geistigen Entwicklung des Menschen steht die Tatsache, dass die durch die Vernichtung des ersten salomonischen Tempels verloren gegangene Bundeslade, die im Allerheiligsten stand, mit nichts ersetzt wurde. Seitdem ist das Allerheiligste leer. Es ist der Ausdruck davon, dass sich der Mensch zur Freiheit entwickelt, dass in seinem innersten, in seiner Seele, ein leerer Raum besteht, wo Freiheit wachsen kann. Nicht das Gesetz ist für die weitere Entwicklung des Menschen massgebend, sondern die durch Erkenntnis gewonnene Freiheit wird den Menschen leiten.

In diesem Sinne wurde Artikel 1 der 1948 niedergeschriebenen und in dem Uno-Menschenrechtsabkommen vereinbarten Menschenrechte wie folgt formuliert:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Mit der Deklaration der Freiheit ist aber der Mensch noch lange nicht frei! Er muss sich erst zur Freiheit entwickeln. Da sieht die Freimaurerei seit mindestens 300 Jahren ihr Betätigungsfeld: Freimaurer sind Menschen, die sich zur Freiheit entwickeln wollen, indem sie sich zusammenschliessen, gemeinsam Symbolik und Ritual aus der grossen westlichen Esoterik der alten Bauhütten studieren. Ihre Werkzeuge und Instrumente sind, nebst den Symbolen aus dem handwerklichen, operativen Maurertum, das Gespräch, die gemeinsamen rituellen Handlungen und die Meditation. Sie alle dienen der Selbsterziehung. Wir nennen das „Arbeit am rauen Stein“.