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Die Freimaurerei mit ihrem Ritualen und Symbolen verweist naturgemäss auf dasjenige, was hinter dem Sinnlichen sich verbirgt. Ein Symbol, eine Allegorie und auch nur ein gewöhnliches Zeichen weist auf etwas, was als Gedanke, als Erlebnis oder als Gefühl sich offenbart. Die eigene sinnliche Gestalt ruft in uns höchstens gedankliche Assoziationen hervor, aber als sinnliches Objekt hat es gar keine Bedeutung, auch nicht, wenn das Objekt zum Beispiel ein Werkzeug ist. Das ist für jeden nachvollziehbar. Und trotzdem gibt es bei uns auch immer wieder Diskussionen darüber, ob die Freimaurerei esoterisch sei oder nicht.

Weshalb ist das so schwer zu erfassen, dass alles Sinnliches etwas Geistiges repräsentiert und dass im Geistgebiet weit mehr vorhanden ist, als was sinnlich zum Ausdruck kommt. Mit dem berühmten Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon finden wir eine Antwort darauf. Erlaubt mir deshalb Ihnen heute dieses Höhlengleichnis vorzutragen:

Platon: Das Höhlengleichnis
(aus: Politeia, RK 27/27a,S.224 ff.)

Hierauf vergleiche nun, fuhr ich fort, unsere Natur in Bezug auf Bildung und Unbildung mit folgendem Erlebnis. Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung; diese hat einen Zugang, der zum Tageslicht hinaufführt, so groß wie die ganze Höhle. In dieser Höhle sind sie von Kind auf, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so daß sie an Ort und Stelle bleiben und immer nur geradeaus schauen; ihrer Fesseln wegen können sie den Kopf nicht herumdrehen. Licht aber erhalten sie von einem Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefesselten aber führt oben ein Weg hin; dem entlang denke dir eine kleine Mauer errichtet, wie die Schranken, die die Gaukler vor den Zuschauern aufbauen und über die hinweg, sie ihre Kunststücke zeigen.

«Ich sehe es vor mir», sagte er.

Stelle dir nun längs der kleinen Mauer Menschen vor, die allerhand, Geräte vorübertragen, so, daß diese über die Mauer hinausragen, Statuen von Menschen und anderen Lebewesen aus Stein und aus Holz und in mannigfacher Ausführung. Wie natürlich redet ein Teil dieser Träger, ein anderer schweigt still.

«Ein seltsames Bild führst du da vor, und seltsame Gefesselte», sagte er.

Sie sind uns ähnlich, erwiderte ich. Denn erstens, glaubst du, diese Menschen hätten von sich selbst und voneinander je etwas anderes zu sehen bekommen als die Schatten, die das Feuer auf die ihnen gegenüberliegende Seite der Höhle wirft?

«Wie sollten sie », sagte er, «wenn sie zeitlebens gezwungen sind, den Kopf unbeweglich zu halten? »

Was sehen sie aber von den Dingen, die vorübergetragen werden? Doch eben dasselbe?

«Zweifellos.»

Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, sie würden das als das Seiende bezeichnen, was sie sehen?

«Notwendig.»

Und wenn das Gefängnis von der gegenüberliegenden Wand her auch ein Echo hätte und wenn dann einer der Vorübergehenden spräche – glaubst du, sie würden etwas anderes für den Sprechenden halten als den vorbeiziehenden Schatten?

« Nein, beim Zeus», sagte er.

Auf keinen Fall, fuhr ich fort, könnten solche Menschen irgendetwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener künstlichen Gegenstände.

« Das wäre ganz unvermeidlich », sagte er.

Überlege dir nun, fuhr ich fort, wie es wäre, wenn sie von ihren Fesseln befreit und damit auch von ihrer Torheit geheilt würden; da müßte ihnen doch naturgemäß folgendes widerfahren: Wenn einer aus den Fesseln gelöst und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals zu wenden, zu gehen und gegen das Licht zu schauen, und wenn er bei all diesem Tun Schmerzen empfände und wegen des blendenden Glanzes jene Dinge nicht recht erkennen könnte, deren Schatten er vorher gesehen hat – was meinst du wohl, daß er antworten würde, wenn ihm jemand erklärte, er hätte vorher nur Nichtigkeiten gesehen, jetzt aber sei er dem Seienden näher und so, dem eigentlichen Seienden zugewendet, sehe er richtiger? Und wenn der ihm dann ein jedes von dem Vorüberziehenden zeigte und ihn fragte und zu sagen nötigte, was das sei? Meinst du nicht, er wäre in Verlegenheit und würde das, was er vorher gesehen hat, für wahrer (wirklicher) halten als das; was man ihm jetzt zeigt?

« Für viel wahrer (wirklicher) », erwiderte er.

Und wenn man ihn gar nötigte, das Licht selber anzublicken, dann schmerzten ihn doch wohl die Augen, und er wendete sich ab und flöhe zu den Dingen, die er anzuschauen vermag, und glaubte, diese seien tatsächlich klarer als das, was man ihm jetzt zeigt?

«Es ist so», sagte er.

Schleppte man ihn aber wohl dort mit Gewalt den rauen und steilen Aufgang hinauf, fuhr ich fort, und ließe ihn nicht los, bis man ihn an das Licht der Sonne hinausgezogen hätte würde er da nicht Schmerzen empfinden und sich nur widerwillig so schleppen lassen? Und wenn er ans Licht käme, hätte er doch die Augen voll Glanz und vermochte auch rein gar nichts von dem zu sehen, was man ihm nun als das Wahre bezeichnete?

«Nein», erwiderte er, «wenigstens nicht im ersten Augenblick.»

Er müßte sich also daran gewöhnen, denke ich, wenn er die Dinge dort oben sehen wollte. Zuerst würde er wohl im leichtesten die Schatten erkennen, dann die Spiegelbilder der Menschen und der andern- Gegenstände im Wasser und dann erst sie selbst. Und daraufhin könnte er dann das betrachten, was am Himmel ist, und den Himmel selbst, und zwar leichter bei Nacht, indem er zum Licht der Sterne und des Mondes aufblickte, als am Tage zur Sonne und zum Licht der Sonne.

« Ohne Zweifel.»

Zuletzt aber, denke ich, würde er die Sonne, nicht ihre Spiegelbilder im Wasser oder anderswo, sondern sie selbst, an sich, an ihrem eigenen Platz ansehen und sie so betrachten können, wie sie wirklich ist.

«Ja, notwendig», sagte er.

Und dann würde er wohl die zusammenfassende Überlegung über sie anstellen, daß sie es ist, die die Jahreszeiten und Jahre herbeiführt und über allem waltet in dem sichtbaren Raume, und daß sie in gewissem Sinne auch von allem, was sie früher, gesehen haben, die Ursache ist.

«Offenbar», sagte er, «würde er nach alledem so weit kommen.»

Wenn er nun aber an seine erste Behausung zurückdenkt und an die Weisheit, die dort galt, und an seine damaligen Mitgefangenen, dann wird er sich wohl zu der Veränderung glücklich preisen und jene bedauern – meinst du nicht?

«Ja, gewiß.»

Die Ehren aber und das Lob, das sie einander dort spendeten, und die Belohnungen für den, der die vorüberziehenden Schatten am schärfsten erkannte und der sich am besten einprägte welche von ihnen zuerst, und welche danach, und welche gleichzeitig vorbeizukommen pflegten, und daraus am besten vorauszusagen wußte, was jetzt kommen werde, glaubst du, er sei noch auf dieses Lob erpicht und beneide die, die bei jenen dort in Ehre und Macht stehen? Oder wird es ihm so gehen, wie Homer sagt, daß er viel lieber auf dem Acker bei einem armen Mann im Taglohn arbeiten und lieber alles Mögliche erdulden will, als wieder in jenen Meinungen befangen sein und jenes Leben führen?

«Ja, das glaube ich », sagte er. « Lieber wird er alles andere ertragen als jenes Leben.»

Denke dir nun auch folgendes, fuhr ich fort: Wenn so ein Mensch wieder hinunterstiege und sich an seinen alten Platz setzte, dann bekäme er doch seine Augen voll Finsternis, wenn er so plötzlich aus der Sonne käme?

«Ja, gewiß», erwiderte er.

Wenn er dann aber wieder versuchen müßte, im Wettstreit mit denen, die immer dort gefesselt waren, jene Schatten zu beurteilen, während seine Augen noch geblendet sind und sich noch nicht wieder umgestellt haben (und diese Zeit der Umgewöhnung dürfte ziemlich lange dauern), so würde man ihn gewiß auslachen und von ihm sagen, er komme von seinem Aufstieg mit verdorbenen Augen zurück und es lohne sich nicht, auch nur versuchsweise dort hinaufzugehen. Wer aber Hand anlegte, um sie zu befreien und hinaufzuführen, den würden sie wohl umbringen, wenn, sie nur seiner habhaft werden und ihn töten könnten.

Soweit das Höhlengeheimnis von Platon.

Was sagt uns dieses Gleichnis? Wer dem Geheimnis auf die Spur kommen will, braucht Mut und muss gar unter Schmerzen die Wahrheit erfahren. Zudem wird er von jenen, die den Gang ins Jenseits nicht wagten, als Spinner hingestellt. Wen wundert’s da, wenn jeder zurückschreckt und so auf die Wahrheit verzichtet und Esoterik verpönt ist?