Ehrwürdiger MvSt...
Sehr verehrte Gäste
Liebe Schw... und Brr...

Vorab etwas persönliches: dieser Bauriss beruht auf meiner Zugehörigkeit zur anthroposophischen Bewegung, die meines Erachtens mit der Freimaurerei in ihren Grundzügen völlig harmoniert. Denn die FM empfinde ich als Vorläuferin der Anthroposophie. Aus der FM wurde 1875 in New York die Theosophische Gesellschaft, die dann ihr Hauptquartier nach Adyar Madras Indien verlegte, begründet, an die Rudolf Steiner bei der Begründung der Anthroposophie angeknüpft hat.

Ich bin davon überzeugt, dass wir als Menschen, also der geistige Kern des Menschen, nach dem Tode in einer rein geistigen Form weiter existieren und damit verbunden natürlich auch die geistige Präexistenz des Menschen, also ein vorgeburtliches Sein. Dazu gesellt sich die Überzeugung, dass wir mehrere Erdenleben durchlaufen um uns weiterzuentwickeln, zusammengefasst heisst das: Reinkarnation und Karma. Es gibt Wege, um zu dieser Überzeugung zu kommen. Der eine indem man geisteswissenschaftliche Werke von denjenigen studiert, die direkte Erfahrungen in einem besonderen Bewusstseinszustand haben und der andere, indem man sich so schult, dass eben dieser besondere Bewusstseinszustand bei einem selber eintritt. Meine Überzeugung ist aufgrund des ersteren zustande gekommen, an der letzteren arbeite ich noch. Diese beiden Wege sind nicht fest getrennt, sondern es führt der Eine zum Anderen.

Nun zu meinem Thema, für die heutige Feier in Anbetracht der aktuellen Ereignisse in Europa: Flüchtlingswelle, Terrorattacken in Paris und weiteren Orten in Europa, im Osten und in Afrika.

Wie wertvoll ist ein Menschenleben?

Wohl durch einen natürlichen Instinkt schätzen wir unser Leben und halten i.d.R. daran fest, wie wir auch nur können. Selbstmord ist glücklicherweise immer noch eine Ausnahme von Wenigen, auch wenn die Selbstmordrate weltweit steigend ist. Namentlich die Verkürzung des Lebens durch Selbstmordattentate im Kampf für eine Idee (IS) oder hier im Westen ausgeprägt mit Exit, als sogenanntes Selbstbestimmungsrecht, wird immer häufiger angewendet. Man kann hier auch aus anthroposophischer Sicht argumentieren, dass die Geburt auf Erden ja auch ein eigener Entschluss sei. Man vergisst dabei, dass dieser Entschluss aus einem entkörperten Zustand mit ganz anderem Bewusstsein gefasst wird.

Wer nur ein bisschen über das Wesen von Körper (Physis), Seele und Geist nachgedacht hat, wird festgestellt haben, dass nur das körperliche Sein vergänglich und endlich ist, dass hingegen die Seele ein Wandlungswesen ist und der Geist nicht in Raum und Zeit seinen Ursprung hat. Somit ist der Tod nur die Auflösung des Bandes, welches zwischen Körper und Seele und Geist besteht. Der Körper nimmt dann seinen Weg der Vergänglichkeit, Seele und Geist verwandeln sich unter neuen Seinsbedingungen. Die Teilnahme an der gemeinsamen seelischen und geistigen Welt ist nicht einfach aufgehoben, sondern nur für unser diesseitiges Normal-Bewusstsein ist sie nicht wahrnehmbar. Das heisst aber auch, dass der Einfluss der Verstorbenen auf unsere gemeinsame Welt nach wie vor vorhanden ist.

Welche Bedeutung haben solche Gedanken nun für den Alltag? Für das Zusammenleben mit anderen Menschen?

Bei den Terroranschlägen der letzten Zeit ist sicher manchem die Frage nach der Todesstrafe für solche Attentäter gekommen. Sei es, dass die Todesstrafe nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren verhängt wird oder indem sie durch die Polizeikräfte direkt am Geschehen ausgeführt wird. Auch mir ist die Frage gekommen.

Selbst ein Selbstmordattentäter sollte sich die Frage stellen, was erreicht er mit diesem Selbstmord und dem damit verbundenen Töten von wahllos getroffenen Menschen.

Mit dem frühzeitigen Austritt aus dem Leben erreicht man nicht viel: alle ungelösten Probleme sind nach wie vor vorhanden, wenn sie nicht ausschliesslich körperbedingt sind. Wenn jemand z.B. aus Liebeskummer die Welt verlässt hat er wohl nichts erreicht. Denn der Liebeskummer ist nicht körperlicher Natur und er wird in seiner Seele nach wie vor vorhanden sein. Der Selbstmordattentäter, der ja aus seiner Sicht auch etwas Gutes will, nämlich die Errichtung eines Gottesstaates, indem es friedlich und paradiesisch ist, kann mit seiner Tat davon nichts erreichen, nur mehr Hass, mehr Zerstörung, mehr Gewalt wird in der Welt sein, also das Gegenteil von seinem Ideal.

Wenden wir uns der Todesstrafe zu. Der Gesetzgeber beabsichtigt, Personen, die gegen Rechtsnormen verstoßen, zu bestrafen. In der Regel wird Strafe heute unterschiedlichen Ansätzen begründet, wobei der wichtigste Ansatz die Besserung des Täters ist. Ob ein Toter sich aufgrund seiner Bestrafung bessern will, bezweifle ich. Im Gegenteil, dass man ihm jede Möglichkeit zur Veränderung im Leben genommen hat, wird ihn eher mit Hass erfüllen. Auf jeden Fall wird mehr erreicht, wenn einem Täter hier die Möglichkeit zur Besserung gegeben wird. Jede gewalttätige Verkürzung, gleich welcher Art, beruht auf einem Irrtum. Aber selbstverständlich habe ich Verständnis, wenn jemand aus lauter Verzweiflung einem solchen Irrtum unterliegt und sein eigenes Leben verkürzt.

Was bietet denn unser Erdenleben, was wir in dem entkörperten Zustand nicht erreichen können? Im entkörperten Zustand nehmen Seele und Geist einen Weg, der nach bestimmten Gesetzen, ähnlich den Naturgesetzen im Irdischen, abläuft. Eine freie Tat, wie sie hier möglich ist, ist nach dem Tod nicht so einfach möglich. Selbstbestimmung, sich aus eigenem Entschluss weiterentwickeln, von sich aus neue Fähigkeiten erwerben, sein Leben nach eigenen Gesichtspunkten gestalten, all das ist uns hier gegeben. Sogar wenn uns äusserlich jegliche Freiheit genommen wird. Die grössten moralischen Fortschritte und Entwicklungen hat beispielsweise Nelson Mandela im Gefängnis gemacht. Nur durch diese innerliche Freiheit, die wir uns selbst erschaffen können, ist die Entwicklung von Liebefähigkeit möglich.

Jedes Leben, das wir hier auf Erden durchmachen, ist einmalig. Man spricht ja oft von wiederholten Erdenleben, damit ist aber nicht etwa eine Wiederholung des Erdenlebens gemeint, sondern nur die Tatsache, dass wir immer wieder die Gelegenheit erhalten, ein Erdendasein zu durchleben, immer neu unter total veränderten Verhältnissen. Bis zum letzten Atemzug haben wir die Möglichkeit uns weiterzuentwickeln, eine freie Tat, ja eine Liebestat zu vollführen, sei sie noch so klein und unbedeutend.

Ein menschliches Leben ist unendlich wertvoll, auch wenn es äusserlich behindert wird, sei’s durch physische Beschränkungen, durch gesellschaftliche Einrichtungen, durch innerliche Grenzen oder gar durch eine körperliche Behinderung.

Ich will mein Leben leben mit Würde,
Es allen Widrigkeiten zum Trotz noch gestalten,
Entscheidungen treffen, wenn sie getroffen werden müssen,
Und dabei einen Schritt nach dem andern tun.
Ich will Zweifel aushalten, die sich nicht wegleugnen lassen,
Aus tiefster Seele weinen dürfen und mich gehalten fühlen,
Durch eigene Kraft und ein Du, das mich stützt,
Und nicht an Angst ersticken oder Zweifeln verzweifeln.
Ich will Platz schaffen, Ballast abwerfen,
Allzu Vergangenes loslassen, um Neuem Raum zu geben.
Ich will Liebe, Freundschaft, Fröhlichkeit und Lachen,
Gemeinsamkeit und Stille, Faszination und Staunen,
Kreativität und Spontaneität, Abgrenzung und Nähe,
den Blick für das Schöne, den Klang von Musik.
Ich will Erwartungen an das Leben,
Kraft schöpfen aus allen verfügbaren Quellen,
Mein Leben leben…

Ursula Brieke-Brinkmann