Sehr verehrte Gäste
Liebe Schw... und Brr...

Immer wieder wird in unseren Reihen, aber auch von Dritten die Frage aufgeworfen: ist die Freimaurerei wie sie heute praktiziert wird noch zeitgemäss?

Es gibt viele Gründe dies in Abrede zu stellen: es kann doch nicht sein, dass etwas, was im 17. und 18. Jahrhundert in der heutigen Form seinen Anfang nahm, jetzt noch praktisch unverändert praktiziert wird; die Zeit der Aufklärung ist längst vorbei, heute hat jeder eine Bildung und kann sich über alles eine Meinung bilden; die Rituale mit ihren Floskeln und Wiederholungen sind unserem Bewusstseinsstand und dem Zeitgeist nicht mehr angemessen; sich in Bünden und Verbrüderung unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu versammeln und ein eigenes Gedankengut zu pflegen ist asozial und intransparent; geheime Zirkel, die nicht öffentlich wirken sind verdächtig; andererseits auch der Vorwurf, die FM würde in der Welt nichts bewirken usw. Soweit die profanen Gründe.

Es sind noch viel gewichtigere Gründe, die von der Freimaurerei verwandten Geistesströmungen vorgebracht werden: die in den Ritualen enthaltene Symbolik und deren Wirkung sei den Mitgliedern nicht bewusst; die Mitglieder würden einer okkulten Manipulation unterliegen; sie würden weltverschwörerische Ziele verfolgen.

Die profanen Gründe sind durchaus verständlich, da sie aus einer modernen, nur die Sinnes- und Verstandesaspekte berücksichtigenden Haltung entspringen. Ohne geistes- und seelenwissenschaftlichen Ansatz sind die freimaurerischen Aktivitäten nicht zu verstehen.

Auch die angeführten Gründe verwandter Geistesströmungen sind durchaus verständlich, wenn man die Abirrungen einiger Freimaurer und Logen in den letzten 200 Jahren in Betracht zieht: der grosse Einfluss in einigen Ländern auf Wirtschaft und Politik, namentlich im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen. Aber eben, das sind Abirrungen, die leider immer wieder vorkommen wie z.B. vor 3 Jahrzehnten mit der Loge P2 in Italien. Es ist natürlich klar, für die Öffentlichkeit und die Medien ist das ein gefundenes Fressen. Man kann Schlagzeilen produzieren und mit viel Phantasie schöpferisch werden. Das Wesen der FM ist aber ein ganz anderes. Erstmals öffentlich in wunderbarer Weise in der Oper „Die Zauberflöte“ von Mozart / Schikaneder dargestellt.

Die bei uns durchgeführten Rituale sind stark Seelen bildend. Sie sind nach Mass und Zahl gegliedert und regen unseren Geist immer wieder zur Reflexion an. Sie haben einen stark meditativen Charakter. Die Symbole, Handlungen und Einrichtungen sprechen vom Ewigen, welches hinter den Erscheinungen der Welt wirkt und webt. Wir suchen darin die Urbilder allen Seins. Alles ist symbolisch, hat Bildcharakter. Der Ewigkeitscharakter ihrer Symbole und Bilder machen sie deshalb auch ziemlich unabhängig vom gerade gültigen Zeitgeist. Die Bilder verändern unser Denken, nicht in magischer, unkontrollierter Weise, sondern in dem wir uns darüber denkend Austauschen und die Vertiefung suchen. Denn der gemeinsame Austausch ist im Ritual Höhepunkt unserer Arbeit. Die Harmonie und der innere Gehalt der Symbole und Bilder wirken auch auf unser Gefühl. Sie rufen Empfindungen hervor, die auf uns eine läuternde Wirkung haben. Unsere Seele entwickelt Freude an tieferen Einsichten und Erkenntnissen und leitet damit unser Interesse auf übersinnliche Tatsachen. Die sinnlichen Interessen schweigen in dieser Zeit, die Metalle ruhen.

In den sogenannten Zirkelarbeiten beschäftigen wir uns vielfach mit den Inhalten und Symbolen der Rituale. Aber auch mit Lebensfragen aller Art. Auf dem Hintergrund des im Ritual Erlebten wollen wir die Geheimnisse des Lebens ergründen, damit wir im Alltagsleben auch die richtigen ethischen Grundsätze haben, um unser Handeln richtig zu steuern.

Die FM hat keine bestimmte Philosophie oder Weltanschauung. Sie sucht sie auf der Grundlage ihrer Symbole immer wieder von neuem. In dieser Suche nimmt sie selbstverständlich den zeitgemässen Erkenntnisstand aus der Wissenschaft mit. Es läge eigentlich in ihrer Natur, dass sie dabei nicht nur die naturwissenschaftlichen, sondern in besonderem Masse die geisteswissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit ganz in ihre Bemühungen aufnehmen würde. Doch leider sind auch viele ihrer Mitglieder allein den Naturwissenschaften verbunden.

Es liegt aber nicht in der Natur der FM öffentlich durch Einrichtungen in Erscheinung zu treten. Im Gegensatz zur Anthroposophie beispielsweise, die direkt im praktischen Leben aus den Ergebnissen ihrer geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse wirkt und zahlreiche Einrichtungen und Institutionen, wie die Rudolf Steiner-Schulen, die anthroposophischen Spitäler, die heilpädagogische Heime, Altersheime, die anthroposophische Medizin, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, Banken u.a.m, geschaffen hat, pflegt die FM als Gemeinschaft ausschliesslich Ritual und gegenseitige Unterstützung in dieser Frage. Das Wirken in der Welt überlässt sie den einzelnen Mitgliedern, die sehr wohl aus diesem Geiste in ihrem Leben wirken, jeder in seiner Art und nach seinen Möglichkeiten. Denn jeder bringt seine Seele aus dem Tempel in dieses Wirken mit.

Freimaurern ist ein lebenslanger Prozess, es ist ein Bemühen, um ein nie zu erreichendes Ideal, welchem wir nachstreben. Deshalb und wie bereits im Vorjahr, schliesse ich meinen Bauriss mit dem Schlusstext aus unserem Ritual:

Wir haben uns bemüht. Die Brüder fühlen sich gestärkt und kehren ruhig und sicher zu den Pflichten des Lebens zurück.