Sehr verehrte Gäste
Liebe Schw... und Brr...

In den vergangenen Jahren habe ich in meinen Winter-Johanni-Vorträge Themen vorgestellt, mit dessen Inhalt wir uns hier regelmässig befassen. Es ging also mehr um Inhalte, um grosse Lebensfragen, die uns beschäftigen. Heute möchte ich auf einen eigentlich eher profanen Aspekt unseres Logenlebens eingehen: auf die Pflege des Gemeinschaftslebens in der Loge. Namentlich die Frage der Freundschaft, ihrer Voraussetzungen und ihrer Pflege, etwas näher beleuchten. In den Gesprächen mit Interessenten musste ich feststellen, dass dieser Aspekt immer wichtiger wird. Also, einerseits kommen wir regelmässig zusammen, um uns weiterzubilden, um Lebensfragen zu diskutieren und andererseits um die Gemeinschaft zu pflegen.

In unserer Zeit der fortschreitenden Individualisierung ist die Pflege der Freundschaft und Gemeinschaft nicht mehr so einfach. Die kraftvolle Ausbildung des Ichs, des eigenen Charakters und die stete Bemühung das eigene Bewusstsein zu weiten, macht uns tendenziell zu ichbezogenen Menschen. In früheren Zeiten war der natürliche Gemeinschaftssinn viel ausgeprägter. Da stand noch die Familie, die Sippe und die Dorf- und Volksgemeinschaften lebendig im Vordergrund.

Umso erstaunlicher ist es, dass Aristoteles (* 384 v. Chr. in Stageira; † 322 v. Chr. in Chalkis) bereits vor ca 2350 Jahren Ausführungen zur Gemeinschaftspraxis und Freundschaft gemacht hat, die heute noch ihre volle Gültigkeit haben, obwohl sich eben die Umstände sehr verändert haben. Im dritten Teil seiner nikomachischen Ethik, unter dem Titel „Die menschlichen Gemeinschaften“, hat er die Freundschaft tiefsinnig behandelt. Freundschaft ist nach ihm „Wohlwollen unter Gleichen“. Eine Voraussetzung sieht er in einer sympathischen Zuneigung zu einem Menschen. Aristoteles zeigt aber auf, dass die Gründe einer sympathischen Zuneigung in rein egoistischen Motiven liegen können. Freundschaften aber, die vorwiegend auf Eigennutz gründen, haben kurze Füsse.

Was heisst also Wohlwollen? Wohlwollen kann nicht einfach eine gutmütige Haltung gegenüber unseren Freunden bedeuten. Und was bedeutet unter Gleichen? Ist damit gemeint, dass zwei Freunde gleich sein müssen, um sich zu verstehen? Bestimmt nicht, Aristoteles hat wohl eher an einen Austausch auf Augenhöhe und wechselseitigem Interesse gedacht. Er umschreibt das wie folgt:

„Dagegen heißt es, dass man dem, dem man freundlich gesinnt ist, alles Gute wünschen muss, um seiner selbst willen. Diejenigen, die in dieser Weise anderen Gutes wünschen, nennt man wohlwollend, wenn ihnen von jenen nicht das gleiche zu Teil wird, denn ist das Wohlwollen gegenseitig, so nimmt es den Namen der Freundschaft an.“

Was bedeutet es aber, wenn nicht der Eigennutz im Vordergrund steht, wenn die Person selbst es ist, um derentwillen man ihr Gutes wünscht? Es gibt eine weitere Voraussetzung für die wahre Freundschaft. Aristoteles formulierte sie so:

„Die vollkommenste Zuneigung aber ist die, die Menschen von edler Art und gleicher sittlicher Gesinnung verbindet.“

… Menschen von edler Art, ja das ist doch das, was wir in der Freimaurerei anstreben. Was sind Menschen von edler Art? Wie wird man ein solcher Mensch? Das ist wohl kein leichtes Unterfangen. In unserer Gemeinschaft pflegen wir im Gespräch und im Ritual gemeinsam herauszufinden, was eine gute Gesinnung ausmacht, was edles Verhalten ist. Auch bei uns gehen die Meinungen manchmal auseinander, manchmal finden wir aber auch Übereinstimmung. Doch die stetige Auseinandersetzung mit solchen Fragen lässt doch manches Licht aufgehen und manch einer, wenn er nach unserer Zusammenkunft nach Hause geht, beschäftigt sich noch lange mit den aufgeworfenen Fragen.

Ein weiteres Element muss aber dazu kommen, will man nicht nur wissen, was edel und gut ist, sondern sich auch so verhalten und sich selbst veredeln. Dieses Element ist die ungeschminkte Selbstbeobachtung, der reine, ungetrübte Spiegel, den man sich selber vorhält. Denn, erkennen ist die erste Voraussetzung, um eine Veränderung herbei zu führen. Im offenen und ehrlichen Zwiegespräch mit seiner Seele lässt sich erkennen, wie man wirklich ist. Und aus dieser Erkenntnis heraus wächst dann der Wunsch zur Veränderung, zur Veredelung. Aber, wir sind uns auch bewusst, dass mit der Erkenntnis erst die Voraussetzung zur Veredelung gegeben ist. Sich selbst zu verändern, seine Gesinnung und sein Verhalten nachhaltig zu ändern – das ist ein lebenslanger Prozess. In diesem Prozess geht es auch darum, das eigene Ego über sich selbst zu weiten, wie die Mutter, die ihr Ego über ihre Kinder hinaus wachsen lässt. Ein schönes Bild und Symbol dafür haben wir in dem sich aufopfernden Pelikan, der mit dem Schnabel in die eigene Brust pickt, um seine Jungen zu füttern (abgebildet in Bern am Burgerspital hoch über dem Eingang!).

Es handelt sich dabei nicht nur um einen lebenslangen Prozess, sondern es ist ein nie zu erreichendes Ideal, welchem wir aber nachstreben wollen. Deshalb schliessen wir unsere Arbeiten jeweils mit folgender Aussage:

„Wir haben uns bemüht. Die Brüder fühlen sich gestärkt und kehren ruhig und sicher zu den Pflichten des Lebens zurück.“