Wie bereits erwähnt, wollen wir mit dieser Johanni-Feier unseren Gästen einen Einblick in unser Logenleben gewähren. Und deshalb erlaube ich mir, ehrw… MvSt… und liebe Anwesende, heute einen Bauriss vorzutragen, wie ich ihn auch in geschlossener Loge vortragen würde, nur mit dem Unterschied, dass wir anschliessend keine Diskussion darüber halten werden, wie das üblicherweise in der geschlossenen Loge stattfindet.

Freimaurerei sei eine Lebensphilosophie, eine Art der Lebensgestaltung, haben wir so- eben gehört. Wir befassen uns mit Symbolik, aber auch mit Lebensfragen, mit philoso- phischen Fragen. Dazu gehören auch „grosse Fragen“, die wir natürlich nicht beant- worten können, wo wir uns aber um ein Verständnis bemühen. Und in diesem Bemühen liegt der Gewinn unserer freimaurerischen Arbeit.

Nun, die Winterjohanni-Feier findet zu Ehren Johannes dem Evangelisten statt. Wäh- rend das Sommerjohanni dem Johannes dem Täufer gewidmet ist, jenem Johannes, der als Visionär, als Vorverkünder kam, steht Johannes der Evangelist als Apostel und Zeu- ge für ein grosses, weltgeschichtliches und einmaliges Ereignis. Mit dem Zeugentum verbunden ist die Frage nach der Wahrheit. Diese Frage möchte ich heute behandeln. Ihr seht also, liebe Anwesende, wir wagen uns in unserer Arbeit an wirklich grosse Fra- gen! Nicht um sie endgültig zu beantworten – so eingebildet sind wir wirklich nicht-, sondern um uns ein Verständnis, eine Erkenntnis, eine Weiterbildung zu ermöglichen.

Was ist Wahrheit?

Diese Frage ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Während sich die Philosophen seit Jahrtausenden immer wieder mit dieser Frage auseinandersetzen und sich bemühen, namentlich unser Erkennen zu verstehen und zu begründen, muss man heute doch feststellen, dass durch die moderne Wissenschaftlichkeit – namentlich was von dieser beim gewöhnlichen Bürger ankommt – sich eine starke Relativierung des Wahrheitsbe- griffes breit macht. Man geht heute soweit und behauptet, dass jeder seine eigenepage1image16712 Wahrheit habe, dass alles Erkennen subjektiv sei und dass eine gemeinsame Wahrheit, eine objektive Wahrheit gar nicht möglich sei. Meines Erachtens ist das ein gefährlicher Weg. Bei aller Sympathie für den Individualismus, diese Tendenz führt dazu, dass wir untereinander alle Verbindlichkeit und den gemeinsamen Weltengrund verlieren.

Die alten Philosophen, wie Aristoteles im klassischen Griechenland und Thomas von Aquin im Mittelalter, gingen vereinfacht gesagt, davon aus, dass Wahrheit sei, wenn unsere gedanklichen Vorstellungen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, wenn eine Sa- che mit dem Verstand übereinstimmt (Thomas von Aquin). Also es geht um die Über- einstimmung von zwei Sachen, nämlich der Wirklichkeit und unserem Verstand, man könnte statt Verstand auch sagen, die in unserem Bewusstsein gebildeten Gedanken und Begriffe.

Schon aus dieser einfachen Definition von Wahrheit können wir feststellen, dass Wahr- heit finden, natürlich nicht etwas Einfaches ist. Denn einerseits stellt sich die Frage, was ist Wirklichkeit und wie können wir sie wahrnehmen. Andererseits stellt sich die Frage auch, wie bilden wir die richtigen Gedanken und Begriffe. Denn unser Erkennen basiert auf diesen zwei Tätigkeiten: Wahrnehmen und Denken. Eine wahre Erkenntnis er- gibt sich also, wenn richtiges Wahrnehmen und richtiges Denken zusammenkommen. Welches sind die Voraussetzungen dazu?

Wahrnehmen

Beim Wahrnehmen müssen wir ein gut ausgebildetes Sinnesorgan haben, um über- haupt richtig wahrnehmen zu können. Da spielen bereits mehrere Faktoren hinein. Un- ser Auge zum Beispiel, muss einen Gegenstand richtig erfassen, ohne Trübung, ohne Verzerrung oder ähnlichem. Aber das genügt noch nicht, um eine richtige Wahrneh- mung zu haben. Sinnesorgan heisst eben auch, dass nicht nur ein richtiges Abbild, wie beispielsweise in einem Fotoapparat entsteht, sondern wir haben einen seelisch- geistigen Sinn, um den gesehenen Gegenstand in unserem Innern abzubilden und ein Erlebnis davon zu haben. Zudem sind bei der Wahrnehmung auch äussere Faktoren zu berücksichtigen, um übereinstimmende Wahrnehmungen zu haben. Betrachten wir ei- nen Baum oder sonst einen Gegenstand, so können wir nur eine absolut übereinstim- mende Wahrnehmung haben, wenn wir den gleichen Standpunkt und den gleichen Zeitpunkt einnehmen.

Denken

Wenn wir in unserem Innern eine Vorstellung oder ein gedankliches Abbild von einem wahrgenommenen Gegenstand bilden wollen, so müssen wir zum Inhalt der Wahrneh- mung den richtigen Begriff finden. Es nützt mir nichts, wenn ich eine Wahrnehmung habe, die ich nirgends einordnen kann. Ob ich den richtigen Begriff zu einer Wahrneh- mung finde, hängt davon ab, ob ich aus meiner Erfahrung, aus meiner Bildung und aus meinem Intuitionsvermögen, d.h. der Fähigkeit Begriffe zu erfassen, die richtigen Vor- aussetzungen mitbringe. Mein Sinn, mein Verstand und mein Denken müssen soweit ausgebildet sein, dass ich den wahrgenommenen Gegenstand in meinem Innern wirk- lichkeitsgemäss abbilden kann.

Während im Bereich der Wahrnehmung noch weitgehend davon ausgegangen wird, dass verschiedene Menschen unter gleichen Voraussetzungen eine gleiche Wahrneh- mung haben können, so wird immer wieder daran gezweifelt, dass wir in unserem In- nern mit unserem Denken zu einem gleichen Schluss kommen können. Ich denke, hier wird im Allgemeinen zu wenig genau unterschieden zwischen dem inneren seelischen Erlebnis, das zugegebenermassen bei jedem Menschen unterschiedlich sein kann und dem rein geistigen Erfassen einer Tatsache. Was auch immer eine vollkommen gestalte- te Kugel bei mir für ein seelisches Erlebnis auslösen kann, der Begriff Kugel im geistigen Sinne ist für jeden Menschen der gleiche: „Die Menge aller Punkte (der geometrische Ort) im dreidimensionalen euklidischen Raum, deren Abstand von einem festen Punkt des Raumes gleich einer gegebenen positiven reellen Zahl page3image12520ist“ ergibt die Kugelfläche bzw. den Kugelkörper.

Mir ist klar, dass mathematische und geometrische Begriffe im Vergleich zu komplexen Gegenständen und Sachverhalte einfacher zu fassen sind und der Zweifel an der Wirk- lichkeit damit nicht aus der Welt geschaffen ist. Aber sie zeigen, dass im rein Geistigen absolute Wahrheiten grundsätzlich möglich sind, auch wenn sie nicht jeder zu erfassen vermag. Der Satz des Pythagoras kann zwar auf verschiedene Weise bewiesen werden, aber er gilt für alle Menschen und überall in der Welt. Zudem zeigen uns die mathema- tischen und geometrischen Begriffe, dass Gedanken nicht nur einfach unsere persönli- chen Produkte sind, sondern sie existieren unabhängig von uns. Sie bestehen auch, wenn ich gerade nicht denke, so wie auch ein Gegenstand der äusseren Welt existiert, ohne dass ich ihn wahrnehme, ja sogar ohne dass ich existiere. In einem gewissen Sin-

ne kann man auch sagen, dass wir die Gedanken mit unserem Denksinn wahrnehmen und dass Gedanken genauso objektiv ausser mir vorhanden sind, wie die Gegenstände der Sinneswelt. Der Begriff des Dreiecks z.B. existiert unabhängig von meinem Denken. Es kommt gar nicht darauf an, ob ich ihn denke oder nicht. Er ist objektiv vorhanden und das für jeden Menschen, der ihn wahrnehmen will.

Aus diesen Überlegungen komme ich zum Schluss, dass es objektive Wahrheit gibt. Die Frage ist jeweils nur, ob meine Wahrnehmungsorgane, auch diejenigen die im rein Gei- stigen, also im Übersinnlichen tätig sind, richtig ausgebildet sind und meine Fähigkeiten im Denken genügend gross sind, um sie, die Wahrheit, zu finden. Und da bin ich doch bescheiden genug einzusehen, dass ich die absolute, umfassende Wahrheit in keinem Fall zu erfassen vermag. Könnte ich das, könnte ich Gott erfassen!

Aber wie lautet die Devise des Freimaurers? Wir bemühen uns.