Sehr verehrte Anwesende Liebe Schw… und Brr…

Traditionsgemäss feiern wir kurz vor Weihnachten unsere Winterjohanni-Feier zur Ehre Johannes dem Evangelisten jeweils in Form einer „weissen Loge“, d.h. unter Einbezug von Verwandten und Bekannten. Ein wichtiges Element, nebst der Pflege des Gemein- schaftssinnes, ist, unserer Familie und den engen Bekannten einen Einblick in unser Tun, in die Welt der Freimaurerei zu gewähren.

Wie fast jedes Jahr, wenn ich den sogenannten Bauriss, eben diesen Vortrag, zu Jo- hanni halte, versuche ich über den Sinn der FM zu referieren, damit unsere Verwandten und Bekannten, ja auch wir selbst zu einem tieferen Verständnis kommen können, um was es sich schlussendlich in der FM handelt.

Heute möchte ich den Versuch unternehmen, die FM in einen grösseren Zusammen- hang zu stellen. Natürlich ist ja jedem bekannt, dass die FM in der heutigen Form 1717 durch den Zusammenschluss von 4 Londoner Logen zur ersten freimaurerischen Grossloge entstanden ist. Neu war aber dazumal nur der Zusammenschluss zu einer Grossloge. Die Logen selber sind viel älteren Ursprungs. Und noch weit älter sind die Rituale der FM. Mit einem gewissen Stolz weisen wir jeweils auf das Alter der FM hin. Aber ist die FM denn auch noch zeitgemäss oder führen wir nur eine alte Tradition weiter?

Wie Ihr vielleicht wisst, unterscheidet die Geisteswissenschaft in der Geistesentwicklung der Menschheit verschiedene Seelenentwicklungszustände in der sogenannt nachatlan- tischen Zeit, also in der noch einigermassen historisch bekannten Zeit der Mensch- und Erdenentwicklung.

In der ägyptischen Hochzivilisation, die etwa zwischen 5000 und 3500 Jahre vor unserer neuen Zeitrechnung begann und kurz davor endet, wurde menschheitsgeschichtlich die Empfindungsseele ausgebildet. Die ägyptische Hochkultur ist auch Repräsentant die- ser Seelenentwicklungszeit. Mit der Empfindungsseele nehmen wir sozusagen die Aussenwelt in unsere Innenwelt herein und verbinden diese beiden Welten, indem wir die gewonnenen Empfindungen immer mehr verfeinern, unterscheiden und begreifen lernen.

Mit den ersten griechischen Philosophen, die einige Jahrhunderte vor unserer neuen Zeitrechnung lebten, wird sozusagen die Entwicklung der Verstandesseele eingeleitet. Hier geht es nicht mehr nur darum unsere Empfindungen wahrzunehmen und auszubil- den, sondern hier herrscht die Frage vor: wie kann ich nun diese erfasste Aussen- und Innenwelt mir zu Nutze machen? Hier trifft die Denkkraft auf die Empfindungsseele und sie wird für die Befriedigung der Bedürfnisse von ihr angewendet. Dafür muss ich mei- nen Verstand entwickeln und herausfinden, wie alles funktioniert und wie ich es mir dienstbar machen kann. Die Verstandesseelen-Entwicklung dauert von der griechischen Zivilisation bis in die heutige Zeit hinein. Unsere ganze technische Zivilisation ist auf die Tätigkeit und Ausbildung der Verstandesseele zurückzuführen. Man sieht: die Seelen- entwicklungsphasen überschneiden sich und dauern noch lange an, wenn schon eine neue Entwicklungsphase beginnt.

Mit dem späten Mittelalter, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts beginnt nun die Entwicklung der Bewusstseinsseele. Das wesentliche Element der Bewusstseinsseele ist die Reflexion, das sich klar machen, wie man in der Welt steht, wie man wirkt und wer man ist. Hier sucht die Seele nach der Wahrheit, nach dem sittlich Guten und nach ihrem Verhältnis zur objektiven Weltordnung. Tief damit verbunden sind die Fragen nach Selbsterkenntnis, Freiheit und Verantwortung. Während die Verstandesseele ana- lysiert und rechnet, sucht die Bewusstseinsseele Gründe, Beziehungen, sucht Qualität, nimmt Rücksicht, schafft eben Bewusstsein für mannigfache Beziehungen und Umstän- de. Selbst- und Umweltbewusstsein, Anteilnahme am Schicksal anderer und die Bildung von Netzwerken sind typische Eigenschaften der Bewusstseinsseele.

Um diese Selbsterkenntnis zu erlangen und die Bewusstseinsseele auszubilden, benötigt der Mensch Werkzeuge und Instrumente der Reflexion oder m.a.W. einen Spiegel, der ihr die Verhältnisse, aber auch die Prozesse abbildet. Welches ist nun das wichtigste Element der Reflexion?

An dieser kann man kaum anders, als auf Br… Goethe zurück zu greifen. In seinem Märchen von der Lilie und der grünen Schlange, wo diese den unterirdischen Tempel, unserem Tempel hier ähnlich, betritt und in diesem die 4 Könige als Bildsäulen erblickt, steht dann:

„Kaum hatte die Schlange dieses ehrwürdige Bildnis erblickt, als der König zu reden an- fing und fragte: Wo kommst du her? – Aus den Klüften, versetzte die Schlange, in de- nen das Gold wohnt. – Was ist herrlicher als Gold? fragte der König. – Das Licht, ant- wortete die Schlange. – Was ist erquicklicher als das Licht? fragte jener. – Das Ge- spräch, antwortete diese.“

Treffender als mit dieser Schilderung kann man den Schlüssel zur Entwicklung der Be- wusstseinsseele kaum darstellen: das Gold stellt das Wissen dar, das Licht die Erkennt- nis und das Gespräch ist der heute der Menschheitsentwicklung angemessene Weg, Licht und Gold im übertragenen Sinne zu erwerben. Nicht das dozieren eines allwissen- den Lehrers ist gefragt und entspricht unserer Zeit, sondern das gemeinsame erörtern von Situationen, Problemen und Lösungen. Das ist das Gespräch unter gleichberechtig- ten.

Die moderne Freimaurerei, wie sie heute praktiziert wird, entspricht genau dieser Dar- stellung in Goethes Märchen: uns wird in den total 33 Ritualen, die der AFAM und der AASR umfassen, das tradierte Wissen übermittelt. In den Gesprächen, die im Tempel und im Vorhof stattfinden, möchten wir das Licht finden und im Sinne der Reflexion uns über unsere eigenen Taten und über die Taten der Menschen im Allgemeinen bewusst werden und dadurch die Entwicklung der Bewusstseinsseele fördern.

In diesem Sinne möchte ich das Neue Jahr empfangen und damit gebe ich Dir, ehrw… MvSt… das Wort zurück.