Sehr verehrte Anwesende Liebe Schw… und Brr…

Traditionsgemäss feiern wir unsere Winterjohanni-Feier zur Ehre Johannes dem Evangelisten jeweils in Form einer „weissen Loge“ kurz vor Weihnachten, d.h. unter Einbezug von Verwandten und Bekannten. Ein wichtiges Element, nebst der Pflege des Gemeinschaftssinnes, ist, unserer Familie und den engen Bekannten einen Einblick in unser Tun, in die Welt der Freimaurerei zu gewähren. Offenheit und Transparenz sind der Boden des Vertrauens.

Wie fast jedes Jahr, wenn ich den sogenannten Bauriss, eben diesen Vortrag, zu Johanni halte, versuche ich über den Sinn der FM zu referieren, damit unsere Verwandten und Bekannten, ja auch wir selbst zu einem tieferen Verständnis kommen können, um was es sich schlussendlich in der FM handelt.

Wohl am bekanntesten ist zur FM der Begriff der „Arbeit am rauen Stein“. Er ist eng verbunden mit demjenigen Aufruf der auch heute noch jedem Neueintretenden entge- gengerufen wird:

Erkenne dich selbst!

Es ist eine Aufforderung nach jener Selbsterkenntnis, die uns das Ziel des Menschen und den Sinn des Lebens aufzeigt. Diese beiden zentralen Punkte der FM fordern ihre Mitglieder zur Selbsterziehung auf. Aber zu was wollen sie sich erziehen? Woher nimmt die FM die Vorstellung zu was sich der Mensch erziehen soll? Und was ist der Inhalt die- ser Vorstellung.

Die FM ist in zwei verschiedene Zweige aufgeteilt. Wir kennen mit den ersten 3 Graden die sogenannte Johannis-Maurerei. Ihre 3 Grade umfassen den Lehrling, den Gesellen und den Meister. Mit diesen 3 Graden werden 3 verschiedene Aspekte der Selbsterzie- hung aufgezeigt. Im ersten Grad, dem Lehrlingsgrad, wird die Arbeit am rauen Stein nach dem Prinzip des Lehrer-Schüler-Verhältnisses gestaltet. Der Lehrling orientiert sich

am Instruktor, am MvSt… und den anderen fortgeschrittenen Mitgliedern und lernt. Im zweiten Grade, dem Gesellengrad, versucht er das Gelernte anzuwenden und begibt sich dazu auf Wanderschaft. In der Erhebung zum dritten Grad wird das Mitglied aufgefordert das „verlorene Wort“ zu suchen. In einer wunderbaren Legende wird ihm erzählt, wie dieses Wort verloren ging und auf welche Art es zu suchen ist. Mit dem 3.° ist schon ein Übergang zu den sogenannten Hochgraden der FM gegeben. Denn die Suche nach dem „verlorenen Wort“ ist eigentlich der Hauptinhalt aller Hochgrade. In unzähligen Legenden werden darin der Verlust und die Suche nach dem verlorenen Wort geschildert. Was ist nun mit dem „verlorenen Wort“ überhaupt gemeint? Was soll das bedeuten?

Bekanntlich behauptet die FM, dass sie eine Art Fortführerin der alten Mysterien sei. Was heisst das? Was waren die alten Mysterien? Im Gegensatz zur heutigen Naturwis- senschaft, die immer wieder in ihrem Evulotionsansatz davon ausgeht, dass sich etwas von einer niederen Stufe zu einer höheren Stufe entwickelt und dabei entweder nach Darwins Ansatz von der natürlichen Selektion ausgeht, d.h. dem Überleben der Stärk- sten (Survival of the fittest), oder ganz einfach vom Zufall ausgeht, wurde in den My- sterien davon ausgegangen, dass es für alles, aber namentlich für den Menschen ein Urbild gibt, das ausserhalb des Zeitbegriffes liegt und der stetig sich verändernden Er- scheinungen eines Wesens sich befindet.

Der bekannte Philosoph aus dem deutschen Idealismus F.W.J. Schelling, 1775 – 1854, teilweise auch Zeitgenosse von Darwin, hat sich Zeit seines Lebens mit dem Entwick- lungsbegriff, also der Evolutionstheorie, beschäftigt. In diesem Zusammenhang hat er interessanterweise auf die Mysterien des Altertums zurückgegriffen. In seiner Schrift „Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge“ (1802) charakterisiert er den Begriff des Urbildes wie folgt: „Das Urbild jedes Geschöpfes muss gedacht wer- den als sich immer gleich und unwandelbar, ja sogar als ewig, sonach auf keine Weise der Zeit unterworfen und weder als entstanden noch als vergänglich.“ Unter Entwick- lung versteht er derjenige Vorgang, der die Welt der Erscheinung mit der der Urbilder verbindet. An dieser Stelle des Dialogs führt Schelling die Beschreibung der Mysterien ein, denn es ist der Zweck aller Mysterien, „den Menschen von allem dem, wovon sie sonst nur die Abbilder zu sehen gewohnt sind, die Urbilder zu zeigen“. Sie hätten dort zuerst gelernt, „dass ausser den Dingen, welche unaufhörlich verändert werden und vielgestaltig sich verwandeln, etwas Unwandelbares, Eingestaltiges und Unteilbares sei“ (1)

Weiter heisst es bei Schelling zu den Mysterien: „Die Mysterien sind deshalb vorgestellt worden als eine Anstalt, die diejenigen, welche daran teilnehmen, durch Reinigung der Seele zur Wiedererinnerung an die vormals angeschauten Ideen des an sich Wahren, Schönen und Guten und dadurch zur höchsten Seligkeit bringt.“ So ist „die Lehre der Mysterien nichts anderes als die erhabenste, heiligste und vortrefflichste, aus dem äu- ssersten Altertum überlieferte Philosophie gewesen.“

Diese Art der Sicht zeigt deutlich, dass die alten Mysterien von dem Primat des Geistes ausgehen. D.h. sie gehen davon aus, dass das Geistige, das Urbild eines Wesens ausserhalb der Zeit in einem Ewigkeitszustande immer da ist und immer da war, dass alles, was in der Welt zur Erscheinung kommt, diesem Urbild folgt. Es ist das Erste! Deshalb haben die Ägypter in ihrer Hochkultur vor 5000 Jahren den Anfang, den ersten Tag, das Ursprüngliche, den Beginn von allem verehrt. In diesem Anfang, in diesem ersten Tag ist das Urbild am stärksten noch anwesend. Dann bleibt nur noch die Erinnerung. Diese Annahme eines Urbildes verleitet dazu, die Idee der Vorherbestimmung (Prädestination) anzunehmen. So ist es aber nicht mit dem Urbild. Im Urbild sind alle möglichen Variationen enthalten, aber der wesentliche Urkern ist das Stete oder m.a.W. das Wesentliche, das Wesen.

Mit der Arbeit am rauen Stein und der ewigen Suche nach dem verlorenen Wort folgt die FM den alten Mysterien und deshalb darf sie sich in einer gewissen Weise auch als deren Fortführerin bezeichnen. Das „Erkenne Dich selbst“ und die damit verbundene Selbsterziehung ist nichts anderes als die Suche nach seinem individuellen Urbild und der Verwirklichung dieses.

Im Grunde genommen ist das natürlich nicht etwas der FM vorbehaltenes, sondern die verborgene Aufgabe eines jeden Menschen. Der Unterschied eines Maurers zu einem Nichtmaurer liegt einzig und allein darin, dass dieser mit den überlieferten Mitteln der FM bewusst diese Aufgabe zu lösen versucht.

(1) Frank Teichmann „Die Ägyptischen Mysterien, Quellen einer Hochkultur“, Verlag freies Geistesleben, I. Auflage 1999, Seite 21, darin Verweis auf F.W.J. Schelling, Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge, 1802, Seite 223 in der ersten Gesamtausgabe 1858.