Wir feiern heute eine sogenannte weisse Loge, d.h. eine Tempelarbeit mit ungeweihten Gästen und gleichzeitig das sogenannte Winterjohanni, die Wintersonnenwende. Es ist etwas ungewöhnlich Johanni im Winter zu feiern, bekannterweise ist die Johannifeier jeweils am 24. Juni. Die Freimaurerei feiert zwei verschiedene Johanni-Feiern, eine zu Ehren von Johannes dem Täufer am 24. Juni zur Sommersonnenwende und eine weitere zu Ehren von Johannes dem Evangelisten, dessen Namenstag der 27. Dezember ist, zur Wintersonnenwende. Die beiden Johannes sind die Schutzpatrone der Freimaurerei. Wegen den Feiertagen erlauben wir uns, unsere Winterjohanni-Feier jeweils aber bereits vor Weihnachten zu feiern.

Johannes der Evangelist hat nicht nur durch sein Evangelium Zeugnis für Christus abgelegt, sondern mit seiner Apokalypse und den Johannesbriefen ein umfassendes Werk hinterlassen. Von den vier Evangelisten ist er derjenige, der uns auf das esotersiche Christentum weist. Sein Evangelium weist gegenüber den anderen Evangelien eine Besonderheit auf, die Auferweckung von Lazarus. Es handelt sich dabei um ein Mysteriengeschehen, um eine Einweihung. Johannes weist auf den Geist, auf den zu entwickelnden Geist.

Vor einem Jahr habe ich bereits an unserer Winterjohanni darauf hingewiesen, dass wir von einem Geistesprimat ausgehen, d.h. dass alles auf der Welt zuerst rein geistig da ist, dass der Sinn eines jeden Dinges da ist, bevor das Ding selbst in Erscheinung tritt. Alles wird vom und durch den Geist bestimmt.

Johannes der Evangelist eröffnet sein Evangelium mit einem tiefsinnigen, wunderbaren Hinweis auf dieses Geistesprimat, dem Prolog:

Im Anfang war das Wort

und das Wort war bei Gott,

und das Wort war Gott.

Im Anfang war es bei Gott.

Alles ist durch das Wort geworden

und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Und das Wort ist Fleisch geworden

und hat unter uns gewohnt

und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,

die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,

voll Gnade und Wahrheit.

Dieser Prolog weist darauf hin, dass wir mit Johannes und seinen Schriften ein esoterisches Christentum in dem Sinne erkennen können, dass er eben den Geist an erster Stelle sieht. Alles ist aus dem Wort, aus dem Logos entstanden. Die Art und Weise, wie er dieses Geistesprimat ausdrückt, ist uns nicht mehr ganz geläufig. Bereits Goethe hat in seinem Faust versucht, diesen Prolog umzudichten, mit dem Ergebnis, dass er einsehen musste, dass dieser Inhalt gar nicht präziser und richtiger wiedergegeben werden kann, als eben mit dem Prolog Johannes.

Kurz gesagt versucht die Freimaurerei durch Rituale und Symbole seine Mitglieder anzuspornensich selbst zu erziehen. Wir nennen das die Arbeit am rauhen Stein. Ja, aber zu was soll sich der Mensch selbst erziehen? Was ist sein Ziel?

Wenn man Johannes Prolog ernst nimmt, bedeutet das inbezug auf den Menschen nichts anderes, als dass ein jeder Mensch da ist, bevor er überhaupt geboren wird. Übehaupt ist alles schon geistig da, bevor es in Erscheinung tritt. Die mächtige Eiche, sie ist schon in der Eichel vorhanden, aber dieser Keim muss sich erst entwickeln. Im Keim steckt schon das geistige Bild des sich entwickelnden Baumes. Und das Wort ist Fleisch geworden. Alles ist auf Entwicklung ausgerichtet, auch der Mensch. Wie findet aber jeder einzelne Mensch dies geistige Urbild, zu welchem er sich aus Freiheit entwickeln will.

Den Schlüssel dazu sieht die Freimaurerei, auch alle alten Mysterienbünde, in dem „Erkenne Dich selbst!“. Dieser Spruch ist leicht gesagt, aber schwer umzusetzen. Es geht nicht darum in sich selbst zu schauen oder in seinem Selbst zu brüten und zu erforschen, was da vorhanden ist.Das führt nur von der wahren Selbsterkenntnis ab. Was finden wir in dieser Innensicht? Alles was eben gerade nicht uns selbst ist. In unserem Körper finden wir in der Vererbungslinie alles, was auf unsere Eltern, Grosseltern und weiteren Glieder in der Generationenfolge hinweist. Ja, sogar Talente und besondere Veranlagungen gehen vielfach auf unsere Vorfahren zurück, nicht in der einfachen Art, dass ein begabter Musiker aus einer Musikerfamilie kommt. Eher in der Art, dass bei einem oder mehreren Vorfahren geniale Mathematiker zu finden sind, weil zwischen Mathematik und Musik ein gewisser Zusammenhang besteht.

Auch unsere Gewohnheiten, unser Lebensstil ist nicht das Ergebnis unseres Selbstes. Da finden wir nur die Wirkung unserer Umgebung, unserer Kultur und unserer Erziehung wieder. Viele Eigenschaften, die wir an uns tragen, stammen gar nicht von uns Selbst, sondern sie sind das Ergebnis unserer Umgebung.

Auch in unserem Seelischen finden wir in erster Linie Allgemeinmenschliches, nichts persönliches. Alle Triebe und alle seelischen Eigenschaften, wie Neid, Eifersucht, Stolz, Mut, aber auch Hilfsbereitschaft und Liebenswürdigkeit sind allgemein vorhandene seelische Eigenschaften, deren wir uns zwar bedienen oder manchmal beherrschen sie uns auch, aber wir finden da nicht das Selbst.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und suchen in unserem Geistigen nach dem Selbst. Auch da müssen wir gestehen, dass unsere Meinungen, unsere Überzeugungen und unsere moralischeAnlage weitgehendst Ergebnis unserer Umgebung ist.

Dem Neophythen wird in der Aufnahme einen Spiegel hingehalten, um zur Selbsterkenntnis zu kommen. Das ist natürlich trivial, aber symbolisch gesehen zeigt es in die richtige Richtung. Wir kommen zur Selbsterkenntnis, nicht indem wir in uns selbst hineinbrüten, sondern, wenn wir nach aussen schauen. Wo finden wir in der Realwelt den Spiegel? Es sind die Eindrücke und die Erlebnisse, die unsere Mitmenschen und unsere Umgebung durch unsere Taten erleiden.

Wie finden wir jetzt wahrlich unser Selbst, unser Ich? Kommen wir nochmals zurück auf den Samen der Eiche. Im Samen der Eiche sind nicht einfach alle Möglichkeiten gegeben, sondern die Möglichkeiten zu einer bestimmten Eiche. Sie wird sich entfalten und in Erscheinung treten, wenn sie den Wachstumskräften der Natur am richtigen Ort und zur rechten Zeit hingegeben wird. Unser Ich, das Selbst ist eigentlich im Grossen und Ganzen erst ein Samen, vielleicht schon ein Keimling, aber es ist noch gar nicht voll entfaltet. Erst die Arbeit an uns selbst, die Arbeit am rauhen Stein, macht uns zu dem, was wir werden wollen. Wo finden wir unsere eigene Entfaltungsmöglichkeit? Indem wir uns an der Welt interessieren und uns in der Welt tatkräftig einsetzen. Nicht in Taten, die uns vorgegeben werden, zu denen wir gezwungen werden oder die wir von anderen kopieren, sondern nur in Taten, die wir aus Freiheit und Liebe vollführen, wird unser Selbst sich entfalten.

Der zweite Teil des Prologs wird in der Regel als Menschwerdung Christi interpretiert. Ich wage aber zu behaupten, dass es sich um den zukünftigen, zu entwickelnden Menschen handelt. Bei jedem von uns! Aber vielleicht ist ja der künftige, voll entwickelte Mensch identisch mit Christus.

Im Anfang war das Wort

und das Wort war bei Gott,

und das Wort war Gott.

Im Anfang war es bei Gott.

Alles ist durch das Wort geworden

und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

Und das Wort ist Fleisch geworden

und hat unter uns gewohnt

und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,

die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,

voll Gnade und Wahrheit.